Nahaufnahme Brüssel
Notizen zur europäischen HauptstadtArchiv fürGründerzeit
A ne pas rater: Rendezvous in Laken
Man kann mit der Metro zum königlichen Schloss in Laken fahren. Dann sollte man aber in Bockstael aussteigen und den Bus nehmen. Was man nicht tun sollte, ist, nachts und viel zu spät und ohne einen Plan den Weg von der Metro zum Schloss zu Fuß zu laufen. Es könnte sein, dass man zu wenige Leute trifft, um nach dem Weg zu fragen. Man sollte auch nicht am Eingang des Schlosses vorbeilaufen und sich dann wundern, dass auf der Rückseite des königlichen Parks kein Eingang ist. (Auch wenn sich dort ein wunderschöner chinesischer und ein ebensolcher japanischer Turm befinden; vor allem während der Nacht, dann sind sie nämlich toll beleuchtet!) Man sollte sowieso nicht versuchen, außerhalb dreier ganz bestimmter Wochen in das Schloss in Laken zu kommen und ohne Zeit sollte man es lieber gleich bleiben lassen.
Fin bref: Wenn man mal ganz offiziell aufs königliche Gelände im Brüsseler Stadtteil Laken gelangen will, bietet sich eigentlich nur ein bestimmter Zeitraum in diesem Jahr an: vom 19. April bis zum 12. Mai, Montag geschlossen. Für einen untertanenfreundlichen Beitrag von 2,50 € öffnet die Königsfamilie nämlich zu dieser Zeit – und nur dann – aufgrund einer jahrhundertealten Tradition die Pforten ihrer sensationellen königlichen Gewächshäuser. Und die lohnen sich wirklich. Vor allem am Abend, wenn es draußen schon dunkel ist und die beleuchteten Kuppeln und Gänge in einem grünlichen Licht wie außerirdische Raumschiffe leuchten. Je später man kommt, desto eher hat man vielleicht auch die Chance, sich ungestört mit entsprechender Begleitung auf einer der Bänke in romantischen Rosen- oder Palmenhainen niederzulassen.
Man sollte, wie gesagt, nur nicht am Eingang vorbeilaufen und genügend Zeit für die Runde mitbringen. Und dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen…
Was Waterloo und Bruxelles-Central gemeinsam haben
Einer der wichtigsten und gleichzeitig einer der seltendsten Architekturstile in Brüssel ist der Jugendstil. Ein Paradoxon, das sich relativ leicht erklären lässt.
1830 entstand das neue unabhängige Königreich Brüssel aus den Wirren der Niederlage Napoleons bei Waterloo und als Folge einer Revolution, die unter anderem auch zur Abspaltung der Niederlande führte. Brüssel als neue Hauptstadt gewann daraufhin in raschem Tempo an Bedeutung und Größe. Öffentliche Bauten, Häuser und ganze Stadtviertel wuchsen aus dem Nichts. Und der Jugendstil war zu dieser Zeit eben en vogue.
So wurde die Gründerzeit vor allem durch die Architektur der Herren Hankar, Serrurier-Bovy, Wolfers, Henry van de Velde und vor allem dem immer noch allgegenwärtigen Victor Horta geprägt. Der Großteil der Gebäude steht heute allerdings nicht mehr. Denn, obwohl die belgische Hauptstadt im Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt geblieben ist, führte der internationale Erfolg Brüssels nach dem Krieg zu schlimmeren Verwüstungen als vermutlich in jeder anderen europäischen Hauptstadt. Bei Wikipedia heißt das dann so:
Die Gemeinde wird quasi zum Abrissspekulanten, der, ähnlich privaten Bauherren, an einer maximalen Verwertung des Baugrundes und damit an Hochhausbebauung interessiert ist. Darüber hinaus bewirken Modernitätseuphorie und der Wunsch nach einer „autogerechten Stadt“ Veränderungen des Stadtbildes, die zuweilen als „Brüsselisierung“ charakterisiert werden.
Und wie alles in Brüssel, wurde auch dies sehr gründlich durchgeführt. Heute findet man die früher so prägenden Häuser nur noch in bestimmten Vierteln und meist nur nach langer Suche und entsprechenden Fußmärschen. Eines der verbleibenden Jugendstilhäuser mit dem wohl schönsten Blick und der besten zentralsten Lage ist meiner Ansicht nach das Musée des instruments de musique, von dessen Dachterrasse und dem dort eingerichteten nicht gerade schlechten Restaurant man seinen Blick über die Dächer Brüssels streifen lassen kann. Voraussetzung natürlich immer, es regnet nicht. Sehr schön auch das Comicmuseum CBBD/BCB, das im letzten erhaltenen von Horta gebauten Geschäftshaus untergebracht ist.
Mein Liebling ist aber etwas versteckter am Square Ambiorix zu finden und zwar das Ding hier. 2007 wurde es gerade renoviert, aber es war auch damals schon sehr eindrucksvoll. OK, OK. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich bisher immer gedacht habe, auch dieses Bauwerk wäre von Horta. Bei der Recherche zu diesem kleinen Text habe ich mich dann allerdings eines anderen belehren lassen müssen. Es war ein Schüler, was dem Ganzen natürlich keinen Abbruch tut.
Was Horta allerdings geplant hat, und das wusste ich ebenfalls bis vor ein paar Minuten nicht, das ist der Hauptbahnhof, von den Schaffnern im Zug liebevoll mit Brussel-Centraal und Bruxelles-Central angesagt. Wie ich finde, ein von außen sehr interessantes Bauwerk, aber darüber lässt sich sicher streiten. Innen in den Eingeweiden des unterirdischen Bahnhofs herrscht jedenfalls das absolute Chaos. Egal, Zugfahren ist billig in Belgien. Aber davon vielleicht ein andermal.